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Kulturwissenschaftliche und sozialwissenschaftliche Forschung

Vom Gehirn zur Kultur

Was hat Epileptologie mit Kultur- und Sozialwissenschaften oder gar mit Philosophie zu tun? – Sehr viel mehr als es auf den ersten Blick scheint! Die Krankheit Epilepsie geht für die Betroffenen mit ausgeprägten Veränderungen ihrer Lebenswelt einher (Steiger & Jokeit 2017). Somit können geisteswissenschaftliche Forschungen, die sich generell mit der Einbettung von Personen in einen kulturellen oder gesellschaftlichen Gesamtzusammenhang befassen, für die Praxis des Umgangs mit Epilepsie relevant werden. Umgekehrt kann der tatsächliche Umgang mit dieser Erkrankung auch Erkenntnisse über die geistige und kulturelle Verfassung einer Gesellschaft liefern.

In der Schweizerischen Epilepsie-Klinik wird aber vorrangig ein anderer Verbindungsweg zwischen Epileptologie und Geisteswissenschaften beschritten, der sich über die neurowissenschaftlichen  Aspekte der Epileptologie erschliesst. Bekanntermassen (s. Forschung) gehen herdförmige („fokale“) Epilepsien in Abhängigkeit von der Lokalisation des „Herdes“ im Gehirn mit umschriebenen geistig-emotionalen Funktionsstörungen einher. Dadurch kann die Epilepsie für die Neurowissenschaft als Modellerkrankung zur Erforschung der höheren Funktionen bestimmter Hirnregionen beim Menschen genommen werden (z. B. Grunwald 2008). Die Erforschung solcher Zusammenhänge zwischen Hirnprozessen und geistigen Funktionen obliegt den kognitiven Neurowissenschaften wie der Neuropsychologie und der Verhaltensneurologie. So haben z.B. psychologische Untersuchungen bei Temporallappenepilepsien wichtige Erkenntnisse zur zerebralen Organisation menschlicher Gedächtnisfunktionen erbracht. Aber auch die ebenso eindrucksvolle wie rätselhafte geistige Eigenschaft des Bewusstseins kann mit Hilfe der Epileptologie näher untersucht werden. Schliesslich gehen viele epileptische Anfälle mit unterschiedlich ausgeprägten Bewusstseinsbeeinträchtigungen einher. Wenn wir also die Veränderungen der Hirnaktivität bei solchen Anfällen untersuchen und vergleichen, können wir vieles über die Art und Weise lernen, in der unser Gehirn das Bewusstsein als geistiges Phänomen realisiert (Lux et al. 2002). „Bewusstsein“ und andere geistige Funktionen sind aber auch traditionelle und zentrale Gegenstände philosophischer Theorien. Die sog. Philosophie des Geistes behandelt allgemeine und grundsätzliche Fragen wie „Was ist Bewusstsein?“ oder „Wie ist die Beziehung zwischen Gehirn und Bewussstsein zu charakterisieren?“ In den letzten Jahrzehnten hat sich mit der sog. Neurophilosophie eine Disziplin „zwischen“ Hirnforschung und Philosophie etabliert, die überprüfen soll, inwieweit diese beiden Fachgebiete sich bei der Beantwortung solcher Fragen gegenseitig befruchten können.  

Es liegt also nahe, eine Verbindung zwischen der Hirnforschung und der Philosophie des Geistes herzustellen. Aber in den letzten Jahren konnte man beobachten, dass die Neurowissenschaft auch ganz andere Wissensgebiete zu besetzen beginnt. Fast scheint es, als entstünden überall neue Fachgebiete, bei deren Bezeichnung einer etablierten Fachdisziplin ein „Neuro-„ vorgeschaltet wird, als könnten Erkenntnisse zur Funktionsweise unseres Gehirns allein sogleich auch traditionelle Fragen scheinbar entfernter Wissensgebiete auf neue Weise zu beantworten helfen: statt lediglich Neuro-Psychologie und Neuro-Philosophie finden wir nun also die Neuro-Ökonomie, Neuro-Theologie, Neuro-Pädagogik, Neuro-Ästhetik, Neuro-Soziologie… – Manche Experten begrüssen diese Entwicklung als einen frischen Wind, den die Hirnforschung in eingefahrene Diskurse weht; andere beklagen die unkritische Akzeptanz einer solchen pauschalen „Neuro-Mythologie“.

   

Neurophilosophie, Neurorhetorik und Neurokapitalismus  

Mitarbeiter der Schweizerischen Epilepsie-Klinik haben Forschungen sowohl zur Neurophilosophie als auch zu den weiteren „Neuro(t)isierungen“  der Wissenschaften und zu den sozialen und kulturellen Konsequenzen und Begleitumständen solcher Entwicklungen betrieben. Einige dieser Arbeiten sind im Folgenden kurz genannt; die vollständigen Listen zu diesen Veröffentlichungen sind unter „Mitarbeiter“ (dort jeweils Publikationslisten von Thomas Grunwald, Hennric Jokeit, Martin Kurthen) zu finden.

Seit vielen Jahren wird systematisch untersucht, inwieweit die Hirnforschung gemeinsam mit der Philosophie zur Erklärung des Bewusstseins und der Intentionalität (der Inhaltshaftigkeit geistiger Vorgänge) beitragen kann (Kurthen et al. 1998, 1999, 2003, Kurthen 2010a). Auch wurden mögliche Beiträge der Neurowissenschaft zu philosophischen Kernbegriffen wie „Seele“ und „Selbst“ überprüft (Kurthen 2010b, 2015). Wenn wir unser personales Selbst in erster Linie in Interaktion mit anderen Menschen ausbilden, ist es von dieser Erkenntnis aus nur noch ein kleiner Schritt zur Frage der hirnvermittelten sozialen Funktionalität des Menschen, die in der Neurowissenschaft in den letzten Jahren unter dem Schlagwort des „social brain“ intensiv beforscht wurde: Vermittels welcher Hirnfunktionen steuern wir unser Verhalten, unsere Gedanken und Gefühle gegenüber unseren Sozialpartnern, sei es in Paar- und Familienbeziehungen, in grösseren sozialen Gruppen oder in einer ganzen Gesellschaft?

   

Die Kulturwissenschaft thematisiert in diesem Zusammenhang u.a. das sog. decorum, also das gesellschafts- und zeitabhängige System von Regeln zum „schicklichen“ und gebotenen Umgang miteinander. Ein solches decorum findet sich auch im hierarchischen System von Gesten und Figuren der Rhetorik, die schon seit Jahrtausenden zur Auslösung und Steuerung von Emotionen erfolgreich verwendet wird. Um die Rolle des Gehirns bei solchen komplexen sozialen Interaktionen zu erforschen, beteiligen sich Mitarbeiter der SEZ an einer internationalen Forschungsgruppe zur „Neurorhetorik“ (TRACE). Damit werden auch Brücken zur darstellenden Kunst geschlagen, denn auch Schauspieler müssen eine komplexe Darstellungsrhetorik beherrschen. Es ergibt sich dann u.a. die Frage, wie sich Hirnprozesse bei tatsächlich erlebten Gefühlen von denen bei „nur“ professionell gespielten Emotionen unterscheiden – sowohl beim Darsteller wie auch beim Publikum (Grunwald et al. 2018). Und man kann angesichts der technischen Entwicklungen in der Film- und Computerunterhaltungsindustrie noch einen Schritt weitergehen und fragen, ob als authentisch erlebte Emotionsdarstellungen auch von künstlichen Figuren, also animierten Filmfiguren oder auch sog. Avataren, in Filmen und Computerspielen erzeugt werden können, oder ob der Betrachter dazu neigt, ein menschliches „Original“ immer als überzeugender anzusehen. Solchen Fragen wird im Rahmen eines interdisziplinären, durch den Schweizerischen Nationalfonds geförderten Projekts der SEK und der Zürcher Hochschule der Künste nachgegangen (Avatarprojekt).  Auch kann der neuartige Vergleich von Menschen und künstlichen Figuren in einem grösseren evolutionären Zusammenhang von sozialen Interaktionen verortet werden, indem die Entwicklung von Bewusstsein, Sprache und emotionalem Verhalten über die Entwicklungsgeschichte der höheren Säugetiere, insbesondere der Primaten, bis hin zum Menschen (und darüber hinaus?) betrachtet wird (Grunwald et al. 2018).

 

Wenn die Hirnforschung so diffus die verschiedensten Wissens- und Lebensbereiche durchdringt, ist auch ein gesellschaftskritisches Hinterfragen dringend geboten. Grosse Aufmerksamkeit genoss in diesem Zusammenhang eine Arbeit von Hennric Jokeit und Ewa Hess zum „Neurokapitalismus“ (Jokeit und Hess 2009). Mit dieser, auch provozierenden und vielleicht ironisierenden nächsten „Neuro-Wortschöpfung“ wurde auf Entwicklungen aufmerksam gemacht, mittels derer der globale Kapitalismus nun auch das menschliche Gehirn als Ressource ergreift. Eines der eindrücklichsten Indizien eines solchen Neurokapitalismus ist die aufkommende Industrie des Neuro-Enhancement (Schmid et al. 2009), also der pharmakologisch gestützten geistigen Leistungssteigerung. Viele Substanzen des Neuro-Enhancement stammen ursprünglich aus der Medizin und sollten Einbussen bei Demenzen oder psychischen Erkrankungen begrenzen. Inzwischen beginnt die Welle des Neuro-Enhancement aber in die eigentlich gesunde Bevölkerung hineinzuschwappen und erreicht zuerst vor allem die von der heutigen Leistungsgesellschaft fest im Griff gehaltenen jüngeren, leistungsorientierten Menschen wie Studenten in kompetitiven Studiensituationen, oder aufstrebende Führungspersonen.


 

Posthumanismus

Die Diskussion um das Neuro-Enhancement leitet zwanglos über zur grundsätzlichen Frage nach der Zukunft des Menschen überhaupt: wird der Mensch sich selbst mittels Pharmaka oder auch mit technischen Aufrüstungen seines Körpers und seines Gehirns oder gar mit genetischen Manipulationen so sehr verändern, dass er sich in ein gänzlich andersartiges Wesen, eine Art Nach-Menschen (sog. Posthumane) verwandelt? Stehen wir an der Schwelle zu einem „posthumanistischen“ Zeitalter? Auch für diese Frage sind mögliche Entwicklungen der Hirnforschung, zum Beispiel im Bereich der sog. Hirn-Computer-Schnittstellen (brain-computer-interfaces), von grosser Bedeutung. Diese möglichen Entwicklungen wurden in einer Reihe von einschlägigen Arbeiten untersucht (z.B. Kurthen 2007, 2011b, 2017). Im Hintergrund dieser an Science-Fiction-Szenarien gemahnenden Überlegungen zum Post-Humanen steht natürlich die uralte und immer wieder kontrovers diskutierte Frage des „Humanen“: was ist überhaupt der Mensch, was genau macht den Menschen aus, sei es im Unterschied zu anderen Säugetieren oder zu weiterentwickelten nach-menschlichen Wesen (Kurthen 2011a, 2011b)?  

So spannt sich ein Bogen von sehr konkreten, praktischen Erforschungen der Krankheit Epilepsie (Einführungstext zu Forschung) bis hin zu allgemeinen, geisteswissenschaftlichen Grundsatzfragen, die schliesslich das Wesen und die Zukunft des Menschen insgesamt betreffen. Ähnlich wie die Epilepsie das ganze Leben der Betroffenen beeinflusst, kann auch die wissenschaftliche Erforschung der Epilepsie letztlich in die Theorie des Menschen insgesamt hineinwirken.  

 

Veröffentlichungen von Mitarbeitenden der Schweizerischen Epilepsie-Klinik (Auswahl)

   

Grunwald T (2007) Kognitive Module und modulare Prozesse. Vorwort zu: Mühlmann H. Jesus überlistet Darwin. Wien; Springer: V-XIX.

Grunwald T. (2008) Gehirn und Gedudel. Wien; Springer.

Grunwald T, Kurthen M, Mühlmann H, Rey A. (2018) Spielweisen des Geistes – Zur Dramaturgie des Bewusstseins. In: Pezer N (Hrsg) Neurorhetorik. Paderborn; Schöningh: 21-46  

Jokeit H, Hess E (2009) Neurokapitalismus. Merkur 63: 541-545
eurozine   

Kurthen M (2007) Die Spur des unmöglichen Bewusstseins. Neurophilosophie und Psychoanalyse im Zeitalter des Posthumanismus. In: Nielsen C et al (Hrsgg) Das Leib-Seele-Problem und die Phänomenologie. Würzburg; Königshausen & Neumann: 273-293  

Kurthen M (2010a) Pushing brains: can cognitive neuroscience provide evidence for brain-mind causation? PSYCHE 16 : 5-22  

Kurthen M (2010b) Neurowissenschaft des Selbst. In Gasser G, Quitterer J (Hrsgg) Die Aktualität des Seelenbegriffs. Paderborn; Schöningh: 155-189   

Kurthen M (2011a) Naturalistischer Humanismus? In Holderegger A et al (Hrsgg) Humanismus. Sein kritisches Potenzial für Gegenwart und Zukunft. Fribourg/Basel; Schwabe: 71-89

Kurthen M (2011b) Weisser und schwarzer Posthumanismus. München; Fink  

Kurthen M (2015) Suche nach der Seele in der Hirnforschung. In Dierken J, Krüger MD (Hrsgg) Leibbezogene Seele? Interdisziplinäre Erkundungen eines kaum noch fassbaren Begriffs. Tübingen; Mohr Siebeck: 125-146  

Kurthen M (2017) BrainConnect/MindDissect. Die Zwischenwelt der Hirn-Maschine-Schnittstellen. Tumult 01: 35-43  

Kurthen M, Grunwald T, Elger CE (1998) Will there be a neuroscientific theory of consciousness? Trends in Cognitive Sciences 2:229-234  

Kurthen M, Grunwald T, Elger CE (1999) Consciousness as a social construction. Behavioral and Brain Sciences 22 : 197-199  

Kurthen M, Grunwald T, Helmstaedter C, Elger CE (2003) The problem of content in embodied memory. Behavioral and Brain Sciences 26: 641-642  

Lux S, Kurthen M, Helmstaedter C, et al (2002): The localizing value of ictal consciousness and its constituent functions. Brain 125 : 2691-2698  

Schmid E, Hess E, Jokeit H (2009). Konzentrierter. Ausgeglichener. Belastbarer. Aktuelle Neurologie 36: 443-450  

Steiger B, Jokeit H (2017) Why epilepsy challenges social life. Seizure. 2017;44